Identität vor Technologie: Was wir bei der KI-Transformation von Atomic Habits lernen können
In “Atomic Habits” stellt James Clear ein Modell vor, das drei Ebenen der Verhaltensänderung beschreibt. Aussen liegen die Ergebnisse (outcome), also das, was man erreichen möchte. Danach kommen die Prozesse, also das, was man tut (process). Und im Kern liegt die Identität, also das, an was man glaubt (identity).
Die meisten Menschen beginnen ihre Verhaltensänderung von aussen nach innen. Sie konzentrieren sich auf das, was sie erreichen wollen, und versuchen dann, den passenden Prozess dafür zu finden (outcome→process→identity). Clear argumentiert, dass die umgekehrte Richtung besser funktioniert. Gestartet wird bei der Identität. Man konzentriert sich also nicht darauf, was man erreichen will, sondern darauf, wer man werden möchte. Die Gewohnheiten folgen von selbst (identity→process→outcome). Ich glaube, dieser Ansatz kann auch für die KI-Transformation im Rechtsmarkt genutzt werden.
Die Ergebnisfalle
Die meisten KI-Initiativen im Rechtsbereich beginnen mit demselben Pitch: Schnellere Arbeitserledigung, niedrigere Kosten, mehr Konsistenz usw. Die Sprache ist rein ergebnisorientiert. Das ist nicht falsch, aber es ist oberflächlich und kann dazu führen, dass die Transformation nicht gelingt: Ein teures Legal-Tech-Tool, ein paar Begeisterte und aber keine Organisationsweite Transformation.
Das Prozess-Plateau
Die fortschrittlichere Organisation bewegen sich zur zweiten Ebene, zur Prozessebene. Sie gestalten ihre Arbeitsabläufe neu, räumen ihr Dokumentenmanagement auf und bauen Prompt-Bibliotheken oder “Workflows” in Legal-Tech-Tools auf. Sie beginnen also darüber nachzudenken, in welchen Prozessen die KI tatsächlich unterstützen kann. Das ist besser. Aber auch das kann ins Stocken geraten. Man kann einen Prozess so oft umgestalten, wie man will. Wenn die Menschen, die ihn ausführen, nicht an das glauben, wofür er steht, werden sie ihn nicht nutzen.
Der eigentliche Ausgangspunkt
Organisationen, welche die KI-Transformation anführen werden, sollten sich meines Erachtens eine andere Frage stellen. Die richtig Frage ist nicht: “Wie kann KI uns schneller oder besser machen?” oder “Wie sollten wir unsere Arbeitsabläufe umstrukturieren?”, sondern: “Was für eine Kanzlei oder Unternehmung sind wir?” Das ist die Identitätsebene.
Identität bestimmt, welche Prozesse sich natürlich anfühlen und welche erzwungen wirken. Sie entscheidet, ob ein neues KI-Tool angenommen oder nach dem ersten enttäuschenden Ergebnis wieder aufgegeben wird. Es ist der Unterschied zwischen einer Anwaltskanzlei, in der Partner sagen “Wir sind eine KI-affine Kanzlei”, und einer, in der sie sagen “Wir haben dieses KI-Ding mal ausprobiert.”
Zuerst die Identität, dann alles andere
Für Anwaltskanzleien bedeutet das, dass das KI-Gespräch beim Partner-Retreat beginnen muss, nicht in der IT-Abteilung. Es muss mit Überzeugungen darüber beginnen, was Anwaltsarbeit im Jahr 2026 und darüber hinaus bedeutet und worin der besondere Wert der Kanzlei liegt. Sobald das geklärt ist, kann man sich an die Gestaltung der Prozesse machen. Die Ergebnisse folgen (identity→process→outcome).
Aber wer die Identitätsebene überspringt, wird weiterhin Tools kaufen, die nicht flächendeckend genutzt werden, und Arbeitsabläufe aufbauen, die sich fremd anfühlen. Besser man setzt bei der Identität an.